Geschichten erzählen: die Speerspitze von Sachbüchern

Geschichten erzählen: die älteste Methode, Informationen auszutauschen. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, wie wichtig Geschichten zu Beginn der Eisenzeit waren. Der Schmied einer kaukasischen Siedlung hat aus Steinbröckeln eine Speerspitze aus Eisenerz geschmiedet. Niemand interessiert sich dafür, wozu soll das gut sein? Wir konnten unsere Sippe schon immer gut ernähren! Sagen die alten Jäger.

Geschichten erzählen Tomas Hoffmann MünchenDa kommt ein junger Mann, der gerade das Jagen lernt, vorbei. Er ist stark, aber als Jäger nicht anerkannt. Er wiegt die Speerspitze in der Hand; es gefällt ihm, wie schwer sie ist. Er fragt den Schmied, ob er sie ausprobieren darf.

Er bindet sie mit Sisal fest an seinen Speer. Mit der Eisenspitze fliegt dieser phantastisch. Wenn man ihn beim Werfen weit vorne hält, fliegt er schnell und präzise. Er kann kaum glauben, dass er bis zu dem Baum da hinten geworfen hat – und dass der Speer sogar im Holz stecken bleibt.

Der Durchbruch in der Geschichte

Beim Morgengrauen macht sich der junge Jäger auf und entdeckt schnell eine Herde Bergwisente beim Äsen. Er muss sich nicht groß anschleichen, sondern wirft seinen neuen Speer aus ziemlich großer Entfernung. Er trifft den Wisent direkt im Genick. Der Wisent kommt nicht weit. Er brüllt laut auf, bevor ihm der Jäger den Gnadenstoß gibt. Alles riecht nach Blut. Der Jäger bringt den Schweif des Wisents als Trophäe ins Dorf. Das Fleisch sollen die anderen holen.

Ab da erzählt der Schmied immer diese Geschichte, wenn Menschen zu ihm kommen. Schnell spricht sich herum, dass der junge Mann kaum auf die Jagd geht und trotzdem die meiste Beute ins Dorf bringt. Und viele andere, auch aus benachbarten Siedlungen tauschen beim Schmied riesige Stücke Fleisch gegen eiserne Speerspitzen. Der Schmied hat ausgesorgt.

Leser identifizieren sich mit Geschichten

Warum ich diese kleine Heldensaga erfunden habe: Ein junger Mann, der in der Hierarchie des Dorfes noch weit unten steht, entdeckt einen innovativen Weg, wie er zur Versorgung der Sippe und seinem gesellschaftlichen Stand beitragen kann. Er verändert seine Welt.

Für Sie als Experten ist das Alltag. Sie suchen und finden Wege, wie Ihre Kunden die Engpässe Ihrer Kunden effizienter bewältigen können. Gerade deshalb gehe ich davon aus, dass Sie die kleine Geschichte amüsiert. Von der Fortune dieses jungen Jägers träumt doch jeder.

Geschichten erzählen Thomas Hoffmann MünchenAußerdem ist die Geschichte ist auch die Heldensaga des Schmieds. Sie zeigt wie auch Sie die Menschen zum Handeln bringen können. Menschen, denen Sie mit Ihrem Produkt das Leben erleichtern. Sie suchen sich ein Testimonial – den jungen Jäger – und erzählen später seine Geschichte. Das freut den jungen Jäger und bringt die Nachahmer auf den Plan. Und es heizt Ihr Geschäft an.

Die frühgeschichtlich versierte Leserin mag mir nachsehen, wenn ihr bei der Lektüre die Haare zu Berge stehen. Schließlich bin ich ein Spezialist fürs Geschichten erzählen und nicht für Frühgeschichte. Ungereimtheiten in meiner Geschichte vom Schmied nehme ich in Kauf. Ich glaube nämlich, dass wenig Frühgeschichtler diesen Blog Post lesen.

Als Experte in Ihrem Bereich sollten Sie Ungereimtheiten in der Geschichte Ihres Helden (Testimonials) natürlich vermeiden. Denn Ihre potentiellen Kunden sind ja auch Spezialisten oder wollen es werden. Da können Sie sich keine sachlichen Fehler erlauben.

Eine Geschichte zählt mehr als 1.000 Worte

Warum Sie in Ihrem Sachbuch eher Geschichten erzählen als Fakten darlegen sollten, konnte ich Ihnen vielleicht mit der Geschichte vom Schmied nahebringen. Aber zählen neben einer wirkungsvollen Geschichte nicht auch noch die Fakten, werden Sie erwidern? Gewiss, und die will ich Ihnen nicht vorenthalten.

Was das (ausschließliche) Referieren von Fakten beim Gegenüber auslöst, kann man am besten in vielen Vorträgen erleben, in denen Spezialisten mit ihrem Detailwissen glänzen wollen. Was passiert? Die Leute schlafen ein. Aber warum schlafen Sie ein? Diese Fakten sind doch alle wichtig!

Mit Fakten aktivieren Sie nur zwei Hirnregionen

Mit Fakten aktivieren Sie das Wernicke-Areal, das für das Verstehen von Sprache verantwortlich ist, und das Broca-Areal, ebenfalls spezialisiert auf Sprachverstehen, aber auch auf Sprachverarbeitung. So weit, so gut. Die beiden Areale lösen beim Leser oder Zuhörer erreichen Sie im besten Fall ein bequemes „Ja genau!“, also die Bestätigung des Weltbildes.

Mit Geschichten lösen Sie etwas aus

Warum lösen Sie, wenn Sie Geschichten erzählen, bei den Lesern etwas aus? Weil jeder Mensch sich am Allermeisten für sich selbst interessiert. Ihre Geschichten zielen direkt ins biographische Gedächtnis Ihrer Leserinnen und Leser.

Wenn wir eine Geschichte hören, gleichen wir diese immer sofort mit den eigenen Erfahrungen ab. Als Sie in meiner Geschichte gelesen haben, wie sich die alten Jäger anfänglich gegen die Speerspitze aus Eisen wehrten, werden sich manche von Ihnen daran erinnert haben, wie sich in Ihrem Bereich die alten Herren gegen Neuerungen gewehrt haben.

Oder bei dem Erfolg des jungen Jägers haben Sie sich daran erinnert, wie Ihnen ein ähnlicher Coup in Ihrem Bereich gelungen ist. Oder wie sehr Sie an einem solchen Coup arbeiten.

Technisch gesehen schleichen Sie sich so ins biographisch Gedächtnis Ihre Leserinnen und Leser ein: Sie aktivieren mit Geschichten sämtliche Hirnregionen, die Sinneseindrücke verarbeiten (Der Speer bleibt im Baum stecken, der Wisent brüllt auf). Emotionen werden geweckt (der Sieg des Jägers gegen die Altvorderen) und Emotionen werden verarbeitet, wenn man sich etwa über den Erfolg freut, den der Schmied mit seiner Geschichte erzielt.

Und sie können sicher sein, dass ich Ihren Motorkortex aktiviert habe, als Sie lasen, der Jäger habe den Speer mit der Eisenspitze in einen Baum geworfen oder den Schweif des Wisents ins Dorf getragen. Der Motorkortex könnte auch die Lösung dafür sein, warum wir mit Geschichten Handlungen auslösen, aber nicht mit Fakten.

Machen Sie eine Geschichte zur Speerspitze Ihres Sachbuchs

Erzählen auch Sie eine Geschichte in Ihrem Sachbuch. Verwenden Sie Farben, Bilder, Gerüche und Geräusche. Und vergessen Sie nicht, dass jede Geschichte, jede Entwicklung auf Handlung basiert.

Geschichten erzählen Self-Publishing-Day 4 Experts Thomas HoffmannIch rate dazu, eine Geschichte in die Fakten einzuflechten. Das ist übersichtlicher und Sie können nach bewährtem Muster erzählen. Ich erzähle zum Beispiel gerne die Geschichte von meiner Kundin Judi. Indem sie in ihr Buch „Mit Ich-Kultur zum privaten und beruflichen Erfolg“ die Geschichte von Mine und Gert eingefügt, bringt Sie die Leser dazu, ein schwieriges Thema persönlich zu erleben.

Zu schwierig für Sie!? Ganz und gar nicht! Das Erzählen von Geschichten ist einfach, weil Menschen grundsätzlich nur sieben Plots kennen. Den bekanntesten, die Heldensaga, habe ich Ihnen heute nähergebracht. Wollen Sie mehr wissen übers Geschichtenerzählen? Dann lesen Sie das unterhaltsamen Sachbuch „The Seven Basic Plots“ von Chris Booker.

Wenn Sie sich persönlich über alle Aspekte des Sachbuchschreibens mit Experten und Autoren austauschen wollen, besuchen Sie uns doch auf dem Self-Publishing-Day für Sachbuchautoren am 9. November in Bernried am Starnberger See.

Copyright der Abbildungen: pixabay

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