Von der Zielgruppe zum idealen Leser

Über Ihre Zielgruppe wissen Sie bestens Bescheid. Als Expertin erfahren Sie täglich die Anliegen Ihrer Kunden. Mit oder ohne ihre Mitarbeiter finden Sie Lösungen für die Nöte der Kunden. Sie planen, ein Sachbuch zu schreiben. Als Autor wollen Sie Lesern, die ähnlich wie Sie ticken, wichtige Erkenntnisse ermöglichen. Das hört sich banal an, ist es aber nicht!

Zielgruppe Self-Publishing-Day 4 Experts Thomas Hoffmann

(c) pixabay

Zum Beispiel für meine Kundin Judi, die Manager, vornehmlich in der Automobilindustrie, in Sachen Führungskultur coacht. Nach rund 30 Jahren kennt sie Ihre Zielgruppe. Sie erinnert sich an jeden ihrer Kunden.

Über die Jahre hat Judi immer wieder festgestellt, was einer der größten Engpässe Ihrer Kunden ist: Als Führungskräfte belasten sie sich oft mit einem sinnlosen Wust von Verantwortlichkeiten. Sie meinen, so ihren Bereich „besser im Griff“ zu haben. Doch ihre Führung ist unscharf und der Stress immens.

Judis Buch soll eine breite Zielgruppe von Menschen erreichen, die mit Führungsaufgaben betraut sind. Sie hat die Fakten zusammengetragen. Das Buch handelt von echter Führung, von Resilienz und vom Loslassen des unnötigen Stress‘.

Das Sachbuch lesen einzelne Menschen – nicht die Zielgruppe!

Zielgruppe

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Dass nicht die Zielgruppe ihr Buch lesen wird, sondern einzelne Menschen, das ist Judi schon klar. Sie fragt sich, wie sie ihr Buch gestalten soll, um genau diesen Menschen Lösungen zu bieten. Wie macht sie sich begreiflich und was ist eigentlich das Besondere an ihr und ihrem Weg?

Und weiter fragt sie sich, wie es dazu kommt, dass die Leute sie für „die Richtige“ halten. Ist es

  • ihre Kompetenz und Erfahrung oder
  • ihre genaue Kenntnis des Kunden-Engpasses,
  • oder weil sie darlegen kann, wie sie sich in den Kunden hineindenkt,
  • oder weil sie einfach DIE Lösung kennt?

Sie redet über diese Frage mit Freunden und Kollegen und kommt zu dem Schluss: es ist von allem etwas. Aber das bringt sie nicht weiter. Wie soll sie schreiben, damit einzelne Leserinnen oder Leser ihre Gedanken spannend finden und sich gerne mit ihnen beschäftigen?

Bis Judi zufällig einen Weggefährten aus der Studienzeit trifft. Gemeinsam erinnern sich sich an jenen Professor, der in einem mit 300 Studenten gefüllten Hörsaal jedem einzelnen Zuhörer das Gefühl gab, seine Vorlesung nur für ihn zu halten. „Ich habe mich immer gefragt, wie er das macht“, raisonniert Judi. Dietmar, ihr Studienfreund, erzählt, dass er irgendwann den Professor genau das gefragt hat.

Ich picke mir immer drei Leute heraus, die ich kenne

Die Antwort dieses großartigen Redners war damals so einfach wie überzeugend: Ich suche mir unter den anwesenden Studenten zu Beginn jeder Vorlesung drei Leute, die ich kenne und schätze.

Zielgruppe

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Diese Menschen sehe ich in den 90 Minuten immer wieder direkt an. Und ich spreche sie an. Das hat den Effekt, dass alle Studenten den Eindruck haben, ich rede mit ihnen – und nicht mit einer Zielgruppe, die im Hörsaal sitzt. Außerdem kann ich, wenn ich bestimmte Menschen ansehe auch deren Themen in die Rede einflechten – stellvertretend für alle anderen.

Judi macht sich ein Bild

Judi fällt es wie Schuppen von den Augen. Das ist der Weg! Sie beschließt, eine Kundin, mit der sie sich gut versteht, zu portraitieren. Freilich nennt sie die Kundin nicht beim Namen. Sie erzählt nicht, in welcher Funktion und welcher Firma diese Kundin tätig ist. Damit sie nicht erkannt werden kann, verändert sie viele Details. Sie nennt sie Mine. Mine ist eine leidenschaftliche und starke Frau mit Unternehmergeist.

Zielgruppe

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Mine hat Probleme, bei deren Bewältigung Judi ihr helfen könnte, wenn es sie gäbe. Wann immer sie beim Schreiben ihres Buches sich nicht sicher sein wird, ob sie das Problem gut beschreibt, wird Judi sich künftig fragen, ob Mine versteht, was sie meint. Und ob ihr Gedanke Mine bei der Bewältigung des Alltags hilft. In Mine hat sie ihre ideale Leserin entwickelt.

Verehrte Leser, Judi hat damals – wir kannten uns noch nicht – intuitiv genau das gemacht, was ich allen Schreibenden empfehle, sie hat sich ein sehr differenziertes Bild gemacht von einer Person, deren Belange sie beim Schreiben adressiert. So war sie dazu in der Lage, während des Schreibens überzeugender und präziser zu sein.

Wir sind zwar alle einzigartig, aber wir wissen, dass wir viele Eigenschaften und Probleme mit anderen teilen. Das ist genau der Grund, warum das Konzept des idealen Lesers so gut funktioniert. Man schreibt für eine Leserin und das aber so präzise und klar, dass alle Leser davon profitieren können – wenn sie die gleichen Themen haben. Freilich ist es in bestimmten Fällen sinnvoll, mehrere ideale Leser zu haben, zum Beispiel eine Frau und einen Mann. Der Professor hatte sich ja auch drei Studenten herausgepickt, die er immer wieder angesehen hat?

Wenn Sie noch mehr Einsichten zum Schreiben von Fachbüchern gewinnen wollen, besuchen Sie regelmäßig dieses Blog oder kommen Sie zum Self-Publishing-Day for Experts am 9. November. Hier treffen Sie auf Experten, die den Workflow der Buchherstellung aus dem FF kennen. Und Sie treffen andere Sachbuchautoren, mit denen Sie sich einen Tag lang austauschen können.

3 thoughts on “Von der Zielgruppe zum idealen Leser

  • Hallo Thomas,
    super Artikel, Danke, Danke, Danke!

    Die Idee EINES Ziellesers, den ich klar vor Augen habe beim schreiben, hat mir sehr geholfen, die „Ansprache“ für meine (in Arbeit befindlichen) Veröffentlichungen zu wählen. Und was noch viel wichtiger ist für mich: Mir die Angst und den Druck zu nehmen, nun richtig loszulegen. Ich verrenne mich sonst gerne in mehrere Richtungen, weil ich möglichst viele potentielle Leser abholen will. Aber was ich zu sagen und anzubieten habe, ist eben NICHT für JEDE FÜHRUNGSKRÄFTE sondern eben NUR etwas für BESTIMMTE FÜHRUNGSKRÄFTE.

    Genial :o)

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